Pyrenäen-Umrundung

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Moderator: Gerry

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IRON
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Pyrenäen-Umrundung

Beitrag von IRON »

Reisebericht Pyrenäen 2010

Die alte Sportster ist nach einer ausgiebigen Inspektion für die jährliche Reise startklar, gepackt und getankt.
Am vorgesehenen Treffpunkt am Nordrand des niedersächsischen Teufelsmoores treffen die 36 Jahre alte Harley, die 21 Jahre alte BMW-GS , die 10 Jahre alte Yamaha Fazer und die drei Jahre alte Suzuki V-Strom zusammen.
Nach `ner halben Stunde Klönschnack geht’s dann los. Die Morgennebel über dem Moor verziehen sich langsam und es verspricht bestes Herbstwetter zu werden.
Die Harley fährt sich ungewohnt steif und schwerfällig wegen des ladungsbedingt hohen Schwerpunktes und der eingefetteten und klebrigen , ledernen Winterklamotten.
Der Weg durch die Morgensonne , durch‘s Alte Land über Finkenwerder nach Hamburg läßt langsam Urlaubsstimmung aufkommen. Auch der Elbtunnel ist frei und harten Kacheln an den Wänden reflektieren die gute Laune des V-2 Motors.
In Altona, kurz nach Verlassen der Autobahn dann der Supergau !
Zuerst ein häßliches Kreischen aus den Tiefen des Motorgehäuses und ein blockierter Schalthebel, dann, nach Ausrollen und Abstellen des Motors , ein blockiertes Getriebe inklusive eines dadurch blockierten Hinterrades.
10 Minuten vor Verladebeginn am Bahnhof !
Die anderen Drei fahren zum Bahnhof um den Zug nach Südfrankreich nicht zu verpassen während ich den ADAC rufe.
Nachdem die Fuhre mit blockiertem Hinterrad vorsichtig auf den Abschleppwagen gezogen ist, fährt der Abschlepper mit mir zunächst zwei Harley-Werkstätten in Hamburg an. HD in Hamburg Nedderfeld kann zwar nicht helfen, hat aber noch eine Schrauber-Adresse parat.
Nachdem Der auch keine Getriebeteile am Lager hat, fährt mich der Abschlepper zurück Richtung Bremerhaven , so daß ich um 17 Uhr bei einem gemütlichen Kaffee in heimischer Garage bereits mit dem Zerlegen beginnen kann, während die Anderen auf dem Weg nach Süden sind.
Nachdem der Primärantrieb entfernt und das Kassettengetriebe rausgezogen ist , fällt mir das Drama schon
entgegen . Das Zahnrad des dritten Ganges auf der Getriebehauptwelle ist in der Mitte durchgebrochen . Das Rad der Nebenwelle und die Schaltgabel sind auch arg in Mitleidenschaft gezogen . Scheiße !!
Aber was soll’s . Zwei neue (gebrauchte) Zahnräder und ne Schaltgabel rausgesucht , vermessen , reingesteckt und alles wieder zusammengesetzt . Nachts um eins ist die Fuhre wieder startklar .
Die Probefahrt am nächsten Tag führt direkt zum Bahnhof . Alles ok .
Zum Glück sind noch genug Plätze auf dem Zug frei und das Ganze gibt’s auch noch zum „Last Minute“ Tarif . Nach einer weiteren unruhigen Nacht geht’s wieder los . Morgens um 5 Uhr hoch und einen neuen Anlauf Richtung Hamburg gemacht . Und was ist ??
Zu jedem Reisebeginn das Gleiche !! Als ob die Zicke nicht nach Hamburg will .
Im Dämmerlicht , kaum zu erkennen , glimmt bei mittlerer Drehzahl die ganze Zeit die Ladekontrolleuchte . Die Lima wird’s nicht sein , da ich die Kohlen neu gemacht habe . Also wieder mal ein Kontaktproblem des Boschreglers . In Hamburg am Terminal ist dann die Batterie leer . Aber ich bin da ! Alles klar !
Der Rest erfolgt dann schiebend , unter Mithilfe des Bahnpersonals und eines anderen Motorradfahrers .
Dafür hab‘ ich dann ein Abteil der Bretterklasse für mich allein . Zumindest erst einmal . Ich bin kaum umgezogen , da kommt ein Typ und fragt , ob er bei mir mit rein könne , weil seine Bude mit einer vierköpfigen Kleinkinderfamilie gefüllt ist . Nach weiteren 10 Minuten kommt der Nächste , auf der Flucht vor nörgelnden Rentnern in seiner Bude . Also zu Dritt . Auch egal . Der Eine ist zwar ein Schnacker , aber sehr hilfsbereit und fährt eine 600er Yamaha Diverson , der andere ist auch ganz nett und fährt eine HP Kampfmaschine von BMW . 1200 ccm , über 100 PS , Gitterrohrrahmen , Upside-Down-Gabel , Stollenreifen etc. Ein Bergmonster eben .
Die Fahrt dauert dann zwar ein paar Bier , aber ich komme ausgeschlafen in Narbonne an .
Wieder die Fuhre vom Zug schieben und erstmal die Reglerkontakte „schön machen“ .
Der Hilfsbereite hat fest installierte !! Starthilfekabel an Bord . Los geht’s , erstmal auf der Autobahn Richtung Carcassonne (muß die Anderen schließlich irgendwie einholen) . Ab Carcassonne wird die Autobahn verlassen und es geht über Nationalstraßen Richtung Foix . Ab Foix gibt’s dann nur noch schmalste Straßen und Serpentinen Richtung Feixe . Die Harley ist in ihrem Element und ich gewöhn‘ mich langsam an den höheren Schwerpunkt . Die Herberge am Treffpunkt ist ein mehrere hundert Jahre altes , völlig schiefes Gebäude und das Nest ist winzig , mit mittelalterlichen Gebäuden und Brücken .
Dafür ist das Abendessen sehr gut und während die Freunde von ihren ersten beiden Tagen berichten , in denen sie unter Anderem Andorra besuchten und dort schließlich den Westausgang über ihren ersten Schotterpaß nutzten , stehen die Moppeds in einem verschlossenen Hof und warten auf den morgigen Tag .
Es kann losgehen !!!
Das Frühstück ist gut und nachdem getankt wurde , geht’s auf französischer Seite nach Westen .
Was nun folgt , ist eine Aneinanderreihung von Traumpässen der „Tour de France“ . Eine 330-Kilometer-Perlenschnur von Kurven , Spitzkehren , Buckelpisten , Gefälle und Steigungen .
Col de la Core 1395m , Col de Portet d’Aspet 1069m , Col de Mente 1349m , Col de Peyresourde 1569m , Col de Aspin 1489m , Col de Tourmalet 2115m , Col de Soulour 1494m , Col d’Aubisque 1709m , Puerto d’Pourtalet 1794m .
Motorradspaß pur !!!
Obwohl im Hinterkopf immer ein wenig die Angst vor einem erneuten Getriebesalat mitfährt , womöglich gerade in
Schräglage !
Es folgt der Grenzübertritt nach Spanien und die Übernachtung auf einem Campingplatz in Biescas .
Kaum in Biescas angekommen , fängt es an zu regnen . Der ganze folgende Tag ist dann von Dauerregen geprägt , der sich in dem neuen und gemütlichen Blockhaus jedoch gut aushalten läßt , zumal der Platz über ein sehr gutes Restaurant verfügt .
Der Suzukifahrer läßt sich dennoch nicht aufhalten und macht sich auf die Suche nach Schotterpisten , während wir Anderen den Wetterbericht verfolgen und die Landkarten studieren . Gegen Abend sind dann die ersten Lücken in der Wolkendecke auszumachen . Am nächsten Morgen wird gepackt und es geht erneut rüber nach Frankreich . Verschlungene schmale Straßen , tief versteckt in zerklüfteten herbstlichen Bergwäldern erinnern an die französischen Seealpen .
Gegen Abend wird wieder die Grenze passiert und wir übernachten im spanischen Ochagavia .
Wieder ist es ein Bungalow auf einem Campingplatz . Ein Baumarktblockhaus der heruntergekommensten Sorte , aber , mit den besten Betten bisher . Und einem baskischen Restaurant mit frischem Cidre zum Selberzapfen .
Mit zunehmender Anzahl der Cidres wird auch der Kleckerfaktor größer , dem man jedoch in weiser Voraussicht Rechnung getragen hat (Eimer und Ablaufrinne ). Daß es hier einen excellenten Lammbraten und traumhaften Käse gibt , braucht wohl nicht extra erwähnt werden .
Mittlerweile befinden wir uns so weit westlich , daß wir für den nächsten Tag den Atlantik anpeilen . Auf dem Weg dorthin besuchen wir noch den kleinen Ort Canfranc mit seinem monumentalen aber unbenutzten Bahnhof .
Eine gigantische Fehlplanung spanischer Eisenbahnplaner aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts .
Vielleicht sollte ein bundesdeutscher Bahnchef hier mal Bildungsurlaub machen !!
Zum Essen am frühen Nachmittag sind wir dann in St. Jean de Luca . Ein verschlafenes Fischereistädtchen mit
einer erstklassigen Fischgastronomie , der wir uns natürlich nicht entziehen können .
Der Rückweg verläuft dann durch einsame spanische Berglandschaften wieder nach Ochagavia . Es ist die erste Tagesetappe ohne Gepäck und soll vor allem zum Kurvenkratzen sein .
Leider fängt aber bereits auf dem Hinweg zum Atlantik mein Handbremszylinder an , bei jeder Bremsbetätigung zu lecken , so daß ich mit dem Betätigen der Handbremse eher sparsam bin , um die Flüssigkeit für Notfälle zur Verfügung zu haben . Daß dies auf dem kurvigen Geläuf kein rechter Spaß mehr ist , kann man sich denken .
Irgendwann aber hab‘ ich den Bogen raus und unter Einsatz von Fuß- und Motorbremse und dem Gedanken , die Harley eventuell in Spanien zu verschrotten , gelingt es mir , an der Yamaha und der Suzuki dran zu bleiben .
So erreichen wir entgegen unseren Befürchtungen noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder unsere Blockhütte .
Die Fußbremse stinkt mittlerweile wie ein brennender LKW-Reifen .
Bevor es am nächsten Morgen zurück nach Osten geht , wird erstmal der Kolben des Handbremszylinders
gewechselt , DOT 5 nachgefüllt und die Fußbremse nachgestellt .
Auf dem Weg nach Osten legen wir noch einen Zwischenstop am Felsenkloster ein .
Wenn man bedenkt , das der Überhang keineswegs massiver Fels sondern lediglich in Jahrtausenden gepresster lockerer Mergel ist , werden die Jungs damals , trotz Gottes Beistand , doch einige Ziegel haben wechseln müssen .
Durch sanfthügeliges , extrem menschenleeres Pyrenäenvorland , führt jetzt der Weg .
Winzige mittelalterliche Dörfer verführen immer wieder zu ungeplanten Kaffeepausen zwischen dem Kurvenspaß .
Nach zeitweise übelstem Schotter ( die Asphaltangabe in der Karte stammt wohl noch aus dem Mittelalter) erreichen wir das Isabenatal und fahren kurz darauf hinauf nach Roda de Isabena .
Hier steht die kleinste Kathedrale der Welt . Trotzdem wurden im Mittelalter von hieraus sogar Teile Südfrankreichs
verwaltet .
Wer den Weg durch die verwinkelten Gassen nach oben sucht , findet neben dem winzigen Friedhof den Zugang zum ehemaligen Kreuzgang . Dieser dient jetzt als Vorhof zu einem Restaurant in der ehemaligen Bibliothek .
Links neben dem Hauptportal befindet sich ein winziges Hotel , welches direkt an der Felskante gebaut ist und aus seinen Zimmern einen atemberaubenden Blick auf das Isabena-Tal freigibt .
Das Abendessen in der Bibliothek ist dann nochmal eine Zeitreise in’s Mittelalter . Unbewußt erwartet man jederzeit Gestalten aus „Der Name der Rose“ als Koch oder Kellner auftauchen zu sehen .
Eher mittelalterlich ist dann auch das Geräusch , welches das hintere Kardangelenk der GS am nächsten Tag plötzlich von sich gibt .
Da in meinem Hinterkopf immer noch die Angst um einen neuerlichen Getriebe-Gau ihr Unwesen treibt , beschließen wir jetzt , uns zu trennen . Ich begleite die BMW auf direktem Weg nach Prades , während die Fazer und die V-Strom noch einmal spanische Wildnis unter die Räder nehmen wollen .
Der Weg nach Prades führt zunächst das Isabenatal hinauf , welches sich gerade im Oberlauf in seiner dramatischen Wucht hinter keinem Tal der Hochalpen zu verstecken braucht . Die Paßhöhe gibt nochmal den Blick auf eine grandiose Landschaft frei .
Hinter dem Grenzübergang befindet sich ein flaches Hochplateau , auf dem man das Gefühl bekommt , man wäre schon unten . Umso erstaunter ist man dann , wenn es plötzlich „stundenlang“ mit 5 - 10% Gefälle zu Tal geht .
Dieser nicht enden wollende Abstieg vermittelt das Gefühl , man komme aus dem Himalaya herunter .
Und . . . . . Kardan und Getriebe halten ! Wer sagt’s denn !
In Prades angekommen gibt’s erstmal ein kühles Bier und ne warme Dusche , während die Moppeds abgekämpft im Hof stehen .
Kurz vor Sonnenuntergang stoßen dann auch die anderen Beiden wieder zu uns und es geht zum Futtern in den Ort .
Am nächsten und leider auch letzten Morgen wird die Route nach Narbonne so gewählt , daß wir noch an’s Mittelmeer kommen , um unsere Pyrenäenumrundung perfekt zu machen .
Wir erreichen den Ort Cypries mit seinem endlosen Strand und der typisch südfranzösischen Tourismus-Bebauung .
Es ist mittlerweile Mitte Oktober , der Ort wirkt wie ausgestorben und es bläst ein warmer , regnerischer Herbststurm . Das Meer ist aufgewühlt und man kann es in jedem Winkel des Ortes intensiv riechen .
Zwei Surfer nutzen die Gelegenheit und stürzen sich in’s Wasser , um sich in den Schaumkronen auszutoben .
Leider reicht unsere Zeit nicht mehr für ein Bad sondern nur noch für’s Mittagessen . Wir finden noch ein offenes Restaurant , welches von einem spanisch-lothringischem Künstlerehepaar betrieben wird .
Zwischen allen möglichen selbstgefertigten Kunstgegenständen gibt es erstklassige Tapas-Platten mit Blick auf menschenleere Gassen und ein sturmgepflügtes Meer .
Welch ein Abschlußessen !!!!
Eine Stunde später sind wir bereits in Narbonne .
Nachdem die Moppeds verladen und verzurrt sind , setzen wir uns ein letztes Mal in ein französisches Straßencafe , direkt gegenüber des Bahnhofs , und lassen das Flair einer belebten Straße in Südfrankreich auf uns wirken .
Die folgende Bahnfahrt verläuft dann ruhig und langweilig und der Elbtunnel ist am nächsten Tag auch verstopft , wie immer .
Der Alltag hat uns wieder .

Gruß
IRON
IRON
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Landmark
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Re: Pyrenäen-Umrundung

Beitrag von Landmark »

Schöner Bericht!

Hast meinen vollen Neid :wink: :D

Gruß!

Landmark
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rainer_aus_ulm
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Re: Pyrenäen-Umrundung

Beitrag von rainer_aus_ulm »

Mann ... du Sack .... schmierst uns Honig ums Maul ... das ist schon gewagt !
Ich bin dermaßen fucking neidisch daß ich in meinen Schreibtisch beißen möchte :x
Um so schlimmer wenn man diese Plätzchen auch noch kennt zumindest die meißten.

Du kannst uns den Rest geben wenn du uns endlich ein paar Foddos zeigst !

rainer

Vor 7 oder 8 Jahren ... schnief ... mäh ....
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Absoluter Premium-Babbelkopp. Schwafelweltmeister.
Alter Furz der gerne und oft den Faden verliert.
Herbert
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Re: Pyrenäen-Umrundung

Beitrag von Herbert »

Hallo
eine traumhafte Tour und ein hervoragender Reisebericht bei dem man hautnah mitreisen kann.Gratuliere.
Gruß Herby
IRON
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Re: Pyrenäen-Umrundung

Beitrag von IRON »

Wie bekommt man direkt in den Text die Bilder 'reingezaubert ???
IRON
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SuperGauzy
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Re: Pyrenäen-Umrundung

Beitrag von SuperGauzy »

Du klickst auf den Button "EDIT", der befindet sich oben rechts über dem Text und der Rest steht im Support-Forum unter "Bilder einfügen".
Sinnvoll ist es, ein zweites Fenster zu öffnen, damit man ab und zu nachlesen kann, wie man die Bilder einfügt.
SuperGauzy
:riding:
IRON
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Re: Pyrenäen-Umrundung

Beitrag von IRON »

Na denn versuch' ich's mal !
IRON
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